Curries & Pizzalust in Bagan

Wir spielen ja schon länger mit dem Gedanken. Bisher haben wir es schon beinahe einen ganzen Monat ausgehalten. Nämlich ohne jegliches westliches Essen. Kein Braten, kein Schnitzel, kein Brot, keine kalte Platte, kein Backhendel, keine Pasta. Auch keine Pizza. Und genau die soll es an diesem ersten Abend in Bagan werden. Die Pizzalust überkommt uns. Burmesische Curries sind wunderbar. Doch zwischendurch verlangt der europäisch geprägte und über Jahrzehnte  antrainierte Magen nach einer entsprechenden Opfergabe.

Pizza frisch aus dem Holzofen

Unsere von Pizzalust getriebene Recherche hat ergeben, dass es hier in Bagan die beste Pizza des gesamten Landes geben soll. Von der Flamme des aus Stein sorgfältig gebauten Holzofens geküsst, soll die Pizza heiß, dünn, knusprig und mit frischen Zutaten je nach Geschmack belegt, geschmacklich ihres gleichen weit und breit suchen. Wir haben uns schon den ganzen Tag bemüht, den vielfältigen kulinarischen Versuchungen zu widerstehen.

Die Betreiber haben ihr vermeintliches Pizzaparadies „La Pizza“ genannt, es ist an der Hauptstraße, der einzigen die durch den Ort führt, gelegen und dadurch für uns und andere Besucher leicht zu finden. Das Schild, das wir schon von der Ferne erkennen können, sieht schon mal sehr italienisch aus. Zumindest sagt uns das unser pizzabenebeltes Hirn. Unsere Schritte, die uns durch die hereinbrechende Nacht führen, werden ungewollt, aber merklich schneller. Appetit und Hunger haben die Kontrolle über uns übernommen. Es gibt keinen Widerstand, nun ist ein Stück Heimat nah.

Unsere Auswahl ist schnell getroffen, Margarita und Prosciutto sollen es werden. Die Kellnerin, die am Weg zurück zum Koch selbst die Form eines Pizzastücks, in rot und weiß Tönen der Tomatensauce und des Käses gehalten, annimmt, nimmt unsere Bestellung auf und gibt sie weiter. Außer uns ist niemand im oder vorm Lokal, unser Wunsch wird sofort in die Tat umgesetzt. Der Pizzaerschaffer beginnt sogleich mit zwei Teigportionen den flachen Boden unserer Heißhungersehnsucht zu formen. Die Tomatensauce fliegt in hohem Bogen dazu und verteilt sich wie von selbst auf dem sandfarbenen Rund. Auch der Käse macht sich auf den Weg, gefolgt vom Prosciutto Cotto. Gemeinsam tanzen sie am nunmehr liegenden Teig, bis sie selbst nach der Hitze des Ofens rufen. Stille. Leicht und hin und wieder hören wir das Knistern der glühenden Holzkohle.

Pizza, Pizza Bagan

Da ist er, der ersehnte Geschmack. Und er ist um nichts anders als in unseren kühnsten Vorstellungen. Keine Enttäuschung macht sich breit. Während die ersten Teile der vor uns liegenden und immer kleiner werdenden Pizza in unserem vor Freude zuckenden Magen landen, merken wir wie sich unser Umfeld verändert. Die Kellnerin ist in ein herkömmliches weißes Kleid gehüllt, keine Spur von der Form eines Pizzastücks mehr, auch die Farbenpracht ist verschwunden. Sie wirkt jetzt eher klein und schmächtig. Der Pizzakoch grinst nicht mehr, er wirkt vielmehr müde von den Anstrengungen eines langen Arbeitstags vor dem heißen Ofen. Seine überdimensionale Schaufel entpuppt sich als eine dem relativ kleinen Ofen angepasste.

Verwundert schauen wir uns an, während wir aber nicht aufhören unsere Pizza zu verspeisen. Der Heißhunger hat unseren Gehirnen wohl einen Streich gespielt. Es kam zu einer Ausschüttung natürlicher, körpereigener Drogen, die an die Auswirkungen des Drogenmissbrauchs in „Fear and Loathing in Las Vegas“ erinnern. Während wir recht bald vor leeren Tellern sitzen, sind wir schlagartig wieder nüchtern und können satt und wachsam den Heimweg antreten. Man unterschätze nie die Auswirkungen von zu langem Pizzaentzug.

TIPP: Bestellt eine vegetarische Variante. Schinken und Co ist hier für Europäer eher unterdurchschnittlich gut. Hier findet ihr die ansonsten wirklich empfehlenswerte Pizzeria:

Unsere Stammlokal Min Myat Paing

Die Lust nach westlichem Essen wurde gestillt, wir können uns wieder unserer eigentlichen Mission, dem Verspeisen von lokalen und landestypischen Spezialitäten, widmen.

Deswegen suchen wir jetzt, wieder mal hungrig, nach für uns geeignetem Futter. Am liebsten hätten wir gerne wieder ein burmesisches Curry, wie wir es schon in Mandalay ein paar Tage zuvor genießen konnten. An Lokalen und Restaurants mangelt es dem kleinen Ort nicht. Größere und kleinere locken mit duftenden Vorboten ihrer Küchenkünste. Platz ist überall genügend, wie bereits erwähnt, haben die Massen in Burma noch nicht Einzug gehalten. Wir fragen uns vielmehr, wie all die Wirte hier überleben können. Irgendwie scheint es zu funktionieren. Die für burmesische Verhältnisse ausladenden Restaurants, die immer wieder entlang des Weges auftauchen, interessieren uns nicht so sehr. Wir wollen es kleiner, familiärer, typischer.

Hinter einem kleinen Markt, an dem vor allem einheimische Frauen, aber auch ein paar Männer ihre Longhyis kaufen, zeigt sich, fast ein bisschen versteckt, eine Mischung aus Microrestaurant und Straßenküche, das Min Myat Paing. Eine emsig umher laufende Dame mittleren Alters, pendelt ständig von innen nach außen und wieder retour. In Händen hält sie immer verschiedene, typische Spezialitäten, die sofort den im Gastgarten sitzenden, einheimischen Gästen serviert werden. Vor dem Gastgarten steht ein bereits rauchender Griller, der von einem etwas jüngeren Mann befeuert und belegt wird. Hier sind wir goldrichtig, denken wir uns und steuern sogleich zielstrebig auf das Geschehen zu.

Freudig empfängt uns die Kellnerin, die sich sogleich als Chefin heraus stellt, und drückt uns sehr ausführliche Speisekarten in die Hand. Frühstück, Lunch, Dinner, alles können die Gäste hier konsumieren. Wir können zwischen burmesischen Einzelgerichten, burmesischen Curries, Indisch, Chinesisch und Thai wählen. Was wird es für uns wohl werden? Richtig! Die Wahl ist nicht schwer und lautet eindeutig burmesische Curries!

Beim Studium der Karte ist uns außerdem ein Getränk aufgefallen. Rum Sour. Eine Mischung aus, wenig überraschend, Rum, Zitronensaft und Honig. Das Ganze für umgerechnet 50 Cent, da können wir nicht nein sagen. Rum Sour hat auch den Vorteil unsere Bierkassa nicht zu belasten. Rum ist nicht Bier und das ist gut so. Ein bisschen schummeln ist erlaubt, wir sind, wie manch sich für gefinkelt haltender Politiker es ausdrücken würde, situationselastisch.

Zu essen bestellen wir, inzwischen ob der aufgetischten Menge vorgewarnt (nachzulesen im Mandalay Beitrag), nur 2 Curries, Pork und Potato Chicken. Die Karte verrät schon, was für köstliche „Beilagen“ uns in Kürze dazu erwarten. Linsensuppe, Gemüsecurry, gebratenes Gemüse, Salat, rohes Gemüse mit Dipsaucen und Reis. Lächelnd, wie fast alle Menschen, die wie bisher in diesem wunderbaren Land getroffen haben, nimmt die Chefin und Kellnerin in Personalunion unsere Bestellung entgegen.

Rum Sour – Immer und überall in Bagan

Rum Sour Myanmar
Kleines Rümchen

Was nicht lang dauert, ist unser Rum Sour. Die Menge die vor uns steht, übertrifft unsere Erwartungen. Ein randvolles Viertelliterglas, voll mit goldfarbener Rummischung, wartet darauf von uns geleert zu werden. Ein einladend aussehender, violetter Strohhalm soll uns die Arbeit erleichtern.

Ok, wir geben uns der schwierigen, aber reizvollen Aufgabe hin und beginnen vorsichtig am Strohhalm zu saugen. Der Rum mit Zitronenbeigabe und Honignote, so in etwa muss das Mischverhältnis sein, schmeckt göttlich. Das ist seeeehr gefährlich für uns. Während wir mit unserem neuen Lieblingsgetränk Beschäftigung finden, werden in der Küche die Kochlöffel geschwungen.

Ein bisschen sehen wir hinein, in die heiligen Hallen. Geradeaus, am Ende des überdachten Gastraums, dort werden die bestellten Speisen zubereitet. Zwei Damen scheinen dort zu Werke zu gehen, beide bewegen sich temperamentvoll durch die gesamte Küche. Wenig später wird das in den Kochtöpfen gezauberte auch bereits zu Tisch gebracht. Wir sind immer von der Zubereitungsgeschwindigkeit begeistert. Wir selbst wären wohl einen gesamten Tag eingespannt, um ähnliche Ergebnisse zu erzielen. Deswegen stehen wir auch nicht in der Küche. Wir beschränken uns auf Dinge die uns liegen, zum Beispiel essen. Schuster bleib bei deinen Leisten.

Zurück im Curryhimmel

Frau Chefin betritt den Gastgarten. Wir glauben zumindest sie zu erkennen. Große Teile von ihr werden von einem riesigen Tablett, voll mit kleinen Schüsselchen, verdeckt. Alles was auf der Karte abgedruckt war, steht nun vor uns. Die Schüsseln mögen klein sein, doch sie sind tief und beherbergen ungeahnte Mengen. Sie dampfen noch von der frischen Zubereitung. Und sie duften! Sie duften unglaublich. Zum Glück haben wir großen Hunger vom Tempelruinenfeld mitgebracht. Der wird auch nötig sein, es ist noch nicht sicher und geklärt, ob er auch reicht. Wir werden sehen.

Bagan: Burmesische Curries
Burmesische Curries

Auf den „Mengenschock“ hin, bestellen wir uns noch zwei Gläser Rum Sour. Aperitif und hochprozentiger Abschluss sind wichtig und sollen Wunder nach großen Essensmengen bewirken

Der Tisch ist zwar nicht ganz klein, doch er ist voll. Wir fühlen uns gerade an Mandalay erinnert, dort war es ähnlich. Unsere heutigen Curries riechen keine Spur schlechter, nach ersten Versuchen können wir behaupten, sie schmecken auch nicht schlechter, ganz im Gegenteil. Das Curryniveau scheint in Burma allgemein ein hohes zu sein.

Diesmal verbinden sich indische Geschmäcker mit teils für uns bekannten. So entsteht eine Kuriosität. Hat das Pork Curry in Mandalay in seiner Mürbheit noch an Pulled Pork Burger erinnert, schmecken wir jetzt nach erster Verkostung Zwiebelrostbraten. Ja richtig, Zwiebelrostbraten. Dabei ist es egal, das der Zwiebelrostbraten eigentlich mit Rindfleisch zubereitet wird. Eine alte, asiatische Weisheit sagt „ same same“ dazu. Zusammen mit einer aus dem Chicken Curry entwendeten, gekochten Kartoffel, ist das Geschmackserlebnis perfekt. Wenn wir die Augen während des Kauens schließen, sitzen wir plötzlich an Omas Küchentisch, nicht mehr in der lauen Nacht in einem burmesischen Dorf.

Das Zwiebelrostbratencurry ist schnell verspeist, nun widmen wir uns dem Chicken Potato Curry, das mittlerweile ohne seine Kartoffeln, die in ihrer Gesamtheit Verwendung zur Veredelung des Rostbratengeschmacks fanden, auskommen muss. Das Chicken Curry erinnert uns an keine uns bekannte Speise, ist aber auch überaus köstlich. Vor allem in Verbindung mit dem ebenfalls gereichten Gemüsecurry, das wohl nicht zufällig als Beilage dient.

Zwischendurch dippen wir rohe Karotten, Gurken und Zwiebeln in Fischsauce und löffeln unsere sehr bekömmliche Linsensuppe. Die Suppe ist unscheinbar, passt aber geschmacklich wunderbar zum Rest des Essens. Zwischendurch bedienen wir uns am Teller mit dem gebratenen Gemüse, der uns mit knackigem Brokkoli, orange leuchtenden Karottenscheiben und kleinen Karfiolstückchen beliefert. Das al dente gebratene Gemüse schwimmt dabei im eigenen, beim anbraten entstandenen Saft, der mit Soja- und Fischsauce ergänzt wurde.

Eine Extraerwähnung muss ein in europäischen Kreisen höchstens als Beiwerk angesehens Gericht finden, der Salat. Bei unserem Salat handelt es sich nicht um einen herkömmlichen Salatteller, abgemacht mit Essig und Öl, der häufig neben den eigentlichen Hauptgerichten ein eher stiefmütterliches Dasein fristet. Nein, wir dürfen uns über Penny Wort Leave Salad freuen. Optisch gleicht er ein bisschen dem gebratenen Gemüse, geschmacklich mitnichten. Bei Penny Wort Leaves handelt es sich um nichts anderes, als die Blätter der hauptsächlich in asiatischen Breiten vorkommenden Grünpflanze Wassernabel, auch als Tigergras bekannt. Wir haben von beidem vorher noch nie etwas gehört, doch genau das mögen wir. Wir mögen es Unbekanntes und Neues auszuprobieren und zu testen. Also her mit dem Tiger!

frisch flambiert

Wir schaffen es schließlich tatsächlich so gut wie alles in uns hineinzuschaufeln, wenngleich wir uns danach wie kleine Kugeln fühlen. Aber zufrieden sind wir. Nun fehlt wirklich noch ein Verdauungsgetränk, deswegen bestellen wir den letzten Rum für heute. Der steht nur Augenblicke später auf dem Tisch, doch er kommt nicht allein. Zu ihm gesellt sich eine flambierte Banane, Süßes schließt bekanntlich den Magen. Offensichtlich sehen wir noch hungrig aus.

Nachdem es die Banane schließlich auch noch in unsere überfüllten Mägen geschafft hat, irgendwann ist es eh schon egal, werden wir von der sichtlich zufriedenen Chefin in die baganische Nacht verabschiedet.

Wir waren übrigens noch mehrere Male in unserem absoluten Lieblingslokal zugegen, Preis-Leistung war einfach unschlagbar!

TIPP: Neben den tollen Curry Set ist auch der gegrillte Fisch wirklich köstlich und sehr günstig!

Also wenn ihr in New Bagan seid, unbedingt hier hin;

Curries & Pizzalust in Bagan